Tag 4: die Lodalskåpa
 
Kurz vor 5 war es soweit, unser Wecker klingelte. Viel Zeit blieb uns nicht, wir wollten ins Nachbartal Lodal fahren, dann zum Bødalsseter. Wir frühstückten, packten unsere Rucksäcke - ein langer Marsch mit vielen Höhenmetern stand uns bevor, also wurde nur das Notwendigste mitgenommen.

Und dann ging es los: es war leicht bewölkt, aber es sah nach einem schönen Tag aus. Heute könnte ein Traum in Erfüllung gehen, für den wir schon mehrere Anläufe nahmen. Aber nie war das Wetter so gut wie heute, die Anläufe der letzten Jahre fanden wegen Regen und Nebel nicht statt.

Und so starteten wir ... nach Loen, dann ins Lodal und bergauf zum Bødalsseter. Ob der Führer wohl da sein wird?

Am Parkplatz nahe des Seter standen schon einige Autos und ein Mann wartete auf uns - John, unser Führer zur Lodalskåpa. Am Seter wurden die letzten Vorbereitungen getroffen, Gurt, Seil, Pickel ... es kann los gehen. Wir starteten bei 550 Höhenmetern.
John meinte "mal sehen, wie weit wir kommen" ... und spielte damit auf unsere Kondition an. Wir genossen die ersten Meter in Richtung Bødalsbreen, wir fühlten uns fit und zuversichtlich.
Kurz vor dem Gletscher müssen wir abbiegen, wir verlassen die Normalroute und laufen auf einen Fluß zu, zwischen den beiden Wasserfällen wird ein schmaler und steiler Weg nach oben führen.
Der erste, kurze aber ziemlich steile Anstieg führt direkt zum linken Wasserfall, der am frühen Morgen noch nicht allzuviel Wasser führte.
Es ist steil ohne Ende. John meinte, oben kann man neues Wasser tanken, also befreiten wir uns von zusätzlichen Wasserreserven.
Nach dem ersten Anstieg machten wir eine kurze Pause und genossen die Sicht zurück ins Bødal.

Gleich danach wartete der nächste steile Berg auf uns - und der hieß auch gleich so "Brattebakken" ... steiler Berg :-).
Wir erreichten die ersten schneebedeckten Hänge, die wir im Zick-Zack bestiegen, um die Steigung etwas zu mindern. Aber wir kamen gut voran und jetzt war auch der Guide (von uns) überzeugt ... wir werden es schaffen!
Westlich vom Bohrsbreen erhebt sich ein 1819m hoher Gipfel, von dem aus man den Bødalsbreen von oben sehen kann - aber das war heute nicht unser Ziel. Für uns ging es nur einfach weiter ... steil nach oben.
Der Blick zurück zum Bødalsseter zeigt ... wir kommen gut voran.
Der Brattebakken ist fast geschafft: die letzten Meter Fels ohne Schnee liegen vor uns. Wir erreichen den Hauptgletscher des Jostedalsbreen, hier sind wir kurz vor dem Bohrsbreen.
Gut 1000m über dem Bødalsseter laufen wir auf den letzten Schneefeldern und erreichen den Jostedalsbreen.
An einem eisbedeckten Steinmännel machen wir Rast, legen Seil und Gurt an - wir werden den Gletscher in Richtung Ståleskaret queren.

Ein eiskalter Wind empfängt uns, aber im Schutz des Steinmännchens wird nochmals Sonnencreme aufgetragen - Faktor 50. Es war trotzdem zu wenig, merkten wir einige Tage danach ...
Die Strapazen der Steigung fielen hier total von uns ab - eine einfach faszinierende, fast schon unberührte Natur begrüßte uns - wir waren auf einem riesigen Eisfeld.
Ab hier gingen wir geseilt: viele Spalten waren deutlich sichtbar. Eis, egal wohin man schaute: die Lodalskåpa war laut Wissenschaft noch niemals mit Gletschereis bedeckt, ein sozusagen echtes Urgestein, das Gestein ist hier einige Milliarden Jahre alt. und kurz davor - auf dem Gletscher - liegt nun Eis seit Millionen Jahren. Das ist alles unvorstellbar.
Die Eiswände hier waren hunderte Meter hoch: alles wirkte nur noch unrealistisch, selbst, als man direkt davor stand: dank unserem Führer passierten wir auch diese Stellen unproblematisch.
Kurz über der Eisdecke war es in der Sonne so warm, dass es nur im Shirt ging: im Schatten brauchte ich Pulli, Mütze und Jacke. Und wieder Sonnencreme.
Es sah flach aus, aber es ging auf einem geneigten Schneefeld weiter nach oben.

Aber die wunderbare Aussicht spornte an: wie wird es wohl von oben aussehen?
Unser Ziel lag vor uns: die Vestlandsdronninga, die Lodalskåpa.

Hier läuft man direkt über den Gletscher, es fallen wohl bis zu 15 Meter Neuschnee pro Jahr. Aber wieviel Schnee wirklich unter den Füssen ... oder ob da eine Gletscherspalte ist ... kann man nur erahnen.
Der linke ist der Vorgipfel, rechts ist die Kappe. Für uns bedeutete das ... erst einige Meter hoch, den Vorgipfel queren, dann in das Tal vor dem letzten Metern zum Gipfel ... wieder absteigen.
Ab hier wollten wir einfach nur noch hoch: das ist ein ganz komisches Gefühl, Energien werden freigesetzt: unser Ziel lag greifbar nahe.
Kurz vor den letzten ... 100 Höhenmetern wurde es steil. In das Schneefeld mußten Treppenstufen geschlagen werden, damit der Weg passierbar wurde.
Das ist John, ein Schwede und unser Führer zur Lødalskåpa: ein absoluter Naturbursche. Er ist ein freundlicher und unterhaltsamer Begleiter, sehr naturverbunden und familienorientiert - ein absolutes Vorbild. John, ein ganz großes Danke, dass du uns so gut und sicher geführt hast ... wir haben uns sehr wohl gefühlt!

Komisch, jede Pause mußte er nutzen, um seine Notdurft zu verrichten: ein bissel Sorge machten wir uns schon ...

Und was er uns bis hierher nicht verraten hatte ... ein bissel Felskletterei war notwendig, um zum Gipfel zu kommen ... gut, dass wir hier Übung haben - wir schafften es.
... und dann ... nach 1700 Höhenmetern und 13km Wegstrecke ... waren wir auf den letzten Metern: wir hatten es geschafft, wir waren oben ...

die Lodalskåpa!
Oben am Top sieht man den Lodalsbreen, der neben den Raudskarvfjellet in südlicher Richtung zum Stordalen hin liegt.
Und in südwestlicher Richtung ist der Jostedalsbreen Kilometer lang zu sehen ... Kilometer lang ... Schnee und Eis. Eine wahnsinnige Gegend, aber genauso wahnsinnig beeindruckend.
In nördlicher Richtung versperrt eine Schneewächte die Sicht zum Kåpevatnet und auch zum Skålatårnet.
Das Steinmännel auf der Spitze der Lodalskåpa: hier oben war noch niemals Gletschereis, sagt man. Das Gestein hier ... ist ungefähr genauso so alt wie die Erde. Aber die Sicht hier ... ist einfach nur genial!
Hier ist der Messpunkt des Tops der Lodalskåpa: 2083 Meter hoch stehen wir hier. Und ganz sicher stehen wir nicht das letzte Mal hier, dafür war der Ausflug einfach zu schön.
John machte ein letztes Fotos von uns ...
... und dann ging es leider schon wieder bergab, John zuerst.
Der Abstieg erfolgte über steile Felsstrecken mit ständiger Sicht auf den zugefrorenen Kåpevatnet. Und etwas Kletterei am Fels.
Der Übergang zum steilen Schneefeld lief unproblematisch. Rechts geht es straff nach unten - verdammt straff ...
Aber auch das Schneefeld war sehr steil, es ging nicht ohne Ausrutscher, auch wenn man sich viel Mühe gab ... gut, dass ich am Seil hing:-).
Nach dem ersten steilen Schneefeld waren wir wieder auf dem Plateau zurück und genossen die Aussicht ...
Manno, eine Sicht ... wir hatten soviel Glück mit dem Wetter.
Aber wir warteten ja auch *ewig* auf diesen Moment.
Ein Steinmännel zeigt den Weg zu Kappe: ein letzter Blick in die Richtung, vom Bødal aus sieht man die Lodalskåpa eigentlich nicht.
Gemeinsam mit John startete mein Kleiner den Weg über das steile Schneefeld wieder nach unten: ist das nicht eine wahnsinnige Umgebung? Bei solchen Bildern bin ich immer ganz stolz, dass wir das so gut geschafft haben. Das Schneefeld rutschten wir dann übringens in gewohnter Manier auf dem Hosenboden runter ... :-).
Der Brattebakken ist abwärts auch anstrengend: bremsen ist angesagt.
Eine der letzten Pausen beim Abstieg mit schon wieder Sicht auf das Bødalsseter: gut, dass es in Norwegen im Sommer so lange hell ist, wir konnten uns Zeit lassen und einfach noch geniessen.
Der Wasserfall führte deutlich mehr Wasser als am Morgen, die Sonne hatte tagsüber gute Arbeit geleistet.
Kaputt? Nein, die letzten Meter im Bødal waren eher entspannend. Wir querten den Gletscherfluß des Bødalsbreen.
Es gab gut ausgebaute Holzbrücken ... und wie hier einfache Steinwege durchs Wasser. Aber das war uns jetzt ... absolut egal.
Zurück am Bødalsseter legten wir Gurtzeug, Pickel und Seile ab ... wir hatten es geschafft.
Abends zurück am Oldevatnet hatten wir noch eine Bilderbuch-Sonnenuntergang und waren einfach nur glücklich. Glücklich, weil wir eine Tour geschafft hatten, auf die wir Jahre warten mußten. Und es lief so super, wir waren selbst überrascht.

Ein ganz großer Dank gilt unserem freundlichen Führer John, der uns ganz vorbildlich geführt hat. Hoffentlich sehen wir ihn wieder.
Schaut man sich die Strecke an, scheint der Weg durch das Tal genauso lang zu sein wie der Weg über den Gletscher. Dazwischen lagen aber einige Höhenmeter ...
Unsere Tour heute war etwas länger als 27km, wir starteten bei 550 Höhenmetern, die Lodalskåpa liegt auf 2083 Metern. Aber es war eine wunderschöne Tour!

Heute wurde einfach nur ein Traum wahr, auf den wir viele Jahre warteten: die Lodalskåpa, der höchste Punkt des größten Festlandgletschers der Welt. Die Strapazen waren schnell vergessen, ich war glücklich, dass alles so gut verlief, dass wir es schafften. Danke für alles, John!!!
Aber das letzte Mal war es garantiert nicht, dass ich hier war.


zum 3. Tag: von Vassenden (Førde) ins Oldendal
zum 5. Tag: Stryn und der Nordfjord

zur Übersicht Norwegen 2009 / Details der Reise 2009

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